Interview mit Dr. Hartmut Berndt, LEADER-Regionalmanagement Göttinger Land

Dr. Hartmut Berndt, LEADER-Regionalmanagement Göttinger Land

Die Bioenergie-Region Wendland-Elbetal hat eine Zwillingsschwester bekommen: Die Bioenergie-Region Göttinger Land. Seit dem 1. August gehören die beiden zusammen und sollen künftig gemeinsame Projekte entwickeln. Die Geschwister sind recht unterschiedlich und haben doch Gemeinsamkeiten, wie etwa die Idee, Erfahrungswissen zu nutzen und weiterzugeben. Wir sprachen mit Dr. Hartmut Berndt, er arbeitet im Göttinger Land für das LEADER-Regionalmanagement. Die LEADER-Akteure hatten den Ausbau der erneuerbaren Energien in der Region bereits 2002 als einen Schwerpunkt im Regionalen Entwicklungskonzept festgelegt und einen wesentlichen Teil der Europäischen Fördermittel in diesem Bereich eingesetzt.  

Herr Dr. Berndt, was macht die Bioenergie-Region Göttinger Land aus?
Wir haben mit der Universität Göttingen und der Hochschule für angewandte Wissenschaft (HAWK) einen starken Hochschulstandort, von dem viele Impulse für innovative Ansätze bei der Bioenergienutzung ausgehen. Die Idee zur Entwicklung eines „Bioenergiedorfs“ ist beispielsweise im Interdisziplinären Zentrum für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Universität entstanden. Der fächerübergreifende Ansatz ist im Bereich der Forschung ja immer noch eher selten, aber eine Grundvoraussetzung, wenn man ein solch ambitioniertes Vorhaben, wie die energetische Selbstversorgung im Bioenergiedorf Jühnde, zu einem von den Bürgern getragenen Projekt machen will.

Mit Jühnde haben Sie 2005 das erste Bioenergiedorf bundesweit geschaffen. Welche Rolle haben die Hochschulen dabei gespielt?
Das IZNE hat das Projekt nicht nur initiiert, sondern den gesamten Prozess im Dorf moderiert und wissenschaftlich begleitet. Deshalb war es besonders wichtig, dass auch Soziologen und Psychologen zum Team des IZNE gehören, die es geschafft haben, einen weit überwiegenden Teil der Menschen im Dorf zum Mitmachen zu bewegen. Am Ende haben die Akteure aus Jühnde das Projekt ganz selbstbewusst in die eigenen Hände genommen und inzwischen viele weitere Ideen entwickelt.

Für die Zusammenarbeit mit der Bioenergie-Region Wendland-Elbetal nutzen Sie unter anderem Fördermittel aus dem EU-Programm LEADER. Sind mit LEADER-Mitteln auch andere Bioenergieprojekte realisiert worden?
Nicht zuletzt der ständig ansteigende Erdölpreis, aber vor allem das Fehlen von Veredelungsbetrieben für landwirtschaftliche Produkte haben uns dazu bewogen, LEADER-Mittel im Bereich Bioenergie zu nutzen. Wir haben eine ganze Reihe von verschiedenen Bioenergieprojekten gefördert. Dazu gehörte beispielsweise eine Potenzialanalyse für die Region oder die Beratung zum Einsatz von Bioenergie in kommunalen Gebäuden oder Betrieben. Darüber hinaus ist im Rahmen von LEADER ein dichtes Netzwerk aufgebaut worden, das inzwischen von der Energieagentur Region Göttingen betreut wird.

Über die LEADER-Mittel haben wir dann auch Machbarkeitsstudien für weitere Bioenergiedörfer gefördert. Für die Studien und die Begleitung der Dörfer hat der Kreistag die notwendigen Ko-Finanzierungsmittel zur Finanzierung der Gesamtkosten in Höhe von 330 000 Euro bewilligt.

Bis 2010 sind im Göttinger Land noch vier weitere Bioenergiedörfer entstanden. Welche Rolle spielt Jühnde als Bioenergiedorf heute noch?
Jühnde ist weiterhin ein Leuchtturm, der weit über die Region und sogar international ausstrahlt und jährlich von mehreren tausend Gästen besucht wird. Dies haben die Jühnder genutzt und gemeinsam mit der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) das Centrum Neue Energien geschaffen, das sich den Wissenstransfer zur Aufgabe gemacht hat. Gemeinsam mit den Partnern aus den Hochschulen und vielen weiteren Bildungsträgern ist es das Ziel, die Wissensvermittlung zum Thema erneuerbare Energien zu einem Schwerpunkt in der Region zu entwickeln. Jetzt geht es darum zu analysieren, wer bereit ist, für dieses Wissen zu zahlen, und wie Strukturen für solche Angebote aussehen müssen. Die Thematik ist im Wendland ja ebenfalls bekannt.

Was können Sie von den Wendländern lernen?
Beim Dialog zwischen Landwirten und der Naturschutzseite haben die Wendländer nach meinem Eindruck schon gute Fortschritte gemacht. Hier können wir gemeinsam nach Lösungen suchen, wie man Biomasse ökologisch verträglich anbauen und damit die Akzeptanz in der Bevölkerung verbessern kann. Möglicherweise lässt sich auch ein Förderansatz daraus entwickeln.

Was können die Wendländer von Ihnen lernen?
Die stringente Umsetzung von Bioenergiedörfern mit genossenschaftlichen Betreibermodellen, die eine größtmögliche Beteiligung der Bevölkerung gewährleisten, ist sicherlich beispielhaft und geeignet, weitere Impulse zu schaffen.

Welche Projekte wollen Sie als erstes in Angriff nehmen?
Im Grunde sind für uns alle Themenbereiche gleich wichtig. Eine erste Abstimmung wollen wir jetzt zur Frage der Kooperation mit dem Naturschutz in Angriff nehmen.

Ein gewagter Blick in die Zukunft: Wann, glauben Sie, kann im Göttinger Land die 100-prozentige Versorgung mit Strom und Wärme realisiert sein?
Offen gestanden, bin ich selbst etwas zurückhaltend bei entsprechenden Vorhersagen. Der Kreistag aber hat sich mit Beschluss im Jahr 2010 das Ziel gesetzt, eine 100%ige Versorgung bei Strom und Wärme bis 2040 zu realisieren und bereits für 2030 eine 100%ige Versorgung für Strom und 50%ige Versorgung für Wärme aus regenerativer Energie anzustreben. Wir wollen gleichzeitig den Verkehrsbereich nicht außer Acht lassen und haben als jüngstes LEADER-Projekt eine Machbarkeitsstudie für die Umsetzung von E-Mobilitäts-Konzepten im ländlichen Raum beschlossen.

Interview: Claudia Wesch, Dorfreporterin der Bioenergie-Region Wendland-Elbetal

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